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michi,
25 Mai 2007
United Kingdom
, London
War grad mal wieder auf meiner Seite... Da staunte ich. Über 12600 Pageviews.
Sagt mal habt ihr kein Zuhause? Leute, es existiert noch eine Welt zu allen Seiten eures Monitors – und die ist wirklich 3-dimensional! Also ernsthaft, da gibt jemand nicht auf und hofft noch immer auf einen neuen Eintrag – oder viel mehr darauf, einen neuen Eintrag als Erster zu lesen (auf diesem Wege: Mama soweit alles cool bei mir, wir telefonieren!). Die Letzten werden die Ersten sein: Dieser Eintrag ist wirklich brandneu. Nichtmal ich hatte bis jetzt Zeit, ihn vollständig zu lesen.
Ich bin schnell vorgestellt: Michi, BIG in LONDON, BIG in der SCHEIßE. Krank. Pleite. Allein. Ja! Klar hab ich mir nicht nur einmal gedacht: Ich will nach Haaaaaauuse (wo immer das jetzt überhaupt noch ist). Keinen Bock mehr auf scheiß London, keinen Bock mehr auf scheiß Englisch, keinen Bock mehr auf scheiß Teuer;
keinen Bock mehr auf Nichtmehr-Rauchen, keinen Bock mehr auf Raus-aus-der-Schule, keinen Bock mehr auf Nichts-Können, keinen Bock mehr auf plötzlich Freunde weg, keinen Bock mehr auf hübsche Menschen, keinen Bock mehr auf 'How are you?', keinen Bock mehr auf drei Schnarchnasen im Zimmer, keinen Bock mehr auf selber Kochen, Putzen, Waschen, Einkaufen, keinen Bock mehr auf allein 20 geile Parties an einem Montag, keinen Bock mehr auf Kellnern, keinen Bock mehr auf Multi-Kulti (ich stelle mir bis zum heutigen Tag die Frage, ob hier überhaupt ein paar Engländer wohnen), keinen Bock mehr, ständig Hugh, Posh, Becks, Madonna, Paris zu sehen, keinen Bock mehr auf kein Auto, keinen Bock mehr auf Rumjetten.
Irgendwann allerdings hatte ich echt keinen Bock mehr auf keinen Bock mehr. Selbst keinen Bock haben wird irgendwann irgendwie doof. Also hab ich damit aufgehört und wieder Bock gehabt. Auf das große London, auf Englisch sprechen, auf Kellnern (denn das ist eine Kunst, die man bis zur Bewusstlosigkeit perfektionieren kann), auf auch allein Genießen, auf Nichts-Können, aber dabei frei sein wie ein Vogel, auf Umziehen!
Wieder Bock gehabt darauf, guten Kontakt zu den besten Menschen dieser Welt, meinen Freunden, zu halten und mit ihnen kurzzeitig London zu rocken, Bock gehabt auf hübsche Menschen, Flirten, Style, Tanzen, Bock auf scheiß Teuer, denn scheiß Egal, weil scheiße Gutverdient, Bock auf Sommer im Park, Bock auf Vorfreude auf zu Hause, Bock auf Leute kennen lernen (!, zu unrecht an vorletzter Stelle), wieder Bock gekriegt auf Mich.
138 Church Street. Ich habe es tatsächlich total unbeabsichtigt geschafft, einer der Seniors in meiner Wohnung zu werden: Nur zwei Leute wohnen länger hier als ich. Wenn ich in zwei Wochen hier ausziehe, habe ich 23 Leute kommen und gehen gesehen. Ein ganz schöner Verschleiß was? In den 7 Monaten, die ich hier gewohnt habe, gab es alles: Von supergeile Truppe bis Total-Abschiss! Die meisten meiner Leute waren Brasilianer, was leider bedeutete: viel Portugiesisch anstatt Englisch, ununterbrochenes Duschen, aber andererseits ausnahmslos herzensgute Menschen und easy to handle! Wenn's drauf ankam haben die sich und das Leben nicht so ernst genommen – geile Fähigkeit, ich war ein aufmerksamer Schüler
Außerdem war immer 'n Joke oder 'n Lächeln drin. Allerdings fand ich immer schade, dass wir dann letztendlich doch nur zusammen gewohnt und nicht zusammen gelebt haben, obwohl wir teilweise viel unternommen haben oder nächtelang durchgequatscht haben in der Küche. Soviele Leute haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wie man mit drei Anderen sein Zimmer und mit zehn Anderen das einzige Klo teilen kann – und das länger als zwei Wochen. Immer habe ich beteuert, dass es halb so schlimm ist. Glücklicherweise haben immer alle Leute unterschiedlich gearbeitet, sodass es sich wunderbar verteilt hat. Und wenn jeder Rücksicht auf den Anderen nimmt, klappt's! Wer das nicht konnte, der ist freiwillig schnell wieder hier ausgezogen! Klar gab es einige Dämpfer (Ungeziefer, Heizung kalt im Winter, Heizung warm jetzt, kein Wasser, nur kaltes Wasser, nur heißes Wasser, Fenster kaputt, keine Wand zwischen Küche und einem der Schlafzimmer, oh Gott wie oft mal wieder kein Internet!, diverse Wasserhähne kaputt (von denen mein Vermieter mir am Tag meines Einzugs versprochen hatte, der Klempner würde morgen kommen und sie reparieren), kein Besteck, keine Tasse, kein Teller, weil die Abwaschmoral mal wieder im Keller war (ich hatte da sicher auch meine Phase), Schnarcher, Raucher, Putzplan-Anarchie (der Erste hat's vergessen, der Zweite putzt sowieso nie, der Dritte ist eingeschnappt über die ersten Beiden, der Vierte weiß schon gar nicht mehr, dass es diesen ominösen Plan überhaupt jemals gab... Keine Chance also: Eine blitzblanke WG wie diese leider eine Illusion!), Bier-Klau...)!
Dennoch haben wir immer zusammen gehalten, ganz besonders unserem Vermieter gegenüber, der dachte, er hätte in einer der beiden Frauen hier einen Spitzel gefunden, was diese aber perfekt inszeniert hat, um unsere Interessen durchzudrücken. (Obwohl man nie weiß, vielleicht war sie eine Doppelagentin.) So hat sich zum Beispiel, wenn auch im Schneckentempo, eine echte Kumpelschaft zu meinem kolumbianischen Mitbewohner Daniel entwickelt! Und was definitiv alles entschädigt, waren die „Küchentage“. Ja richtig, volle Tage und Nächte habe ich ohne schlechtes Gewissen in meiner Küche gesessen, denn da hat sich immer das Leben abgespielt. Immerzu neue Gesprächspartner, neue Themen, Essen, Trinken, Lachen, Reden! Das war meine Welt! Und dann diese drei Typen auf den Barhockern: der Japaner, der Kolumbianer und der Deutsche! Gleich alt, jeder von einem anderen Kontinent, sowohl kulturell, als auch charakterlich, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Ein Schauspiel, ein Lustspiel

...klarer Fall von „Übergangs-Lösung“, die zum Dauerzustand wird. Allerdings kein schlechter, verbesserungswürdig, doch: billig, zentral, sozial. Jetzt wo wir schonmal so beschaulich beisammen sitzen und feierlich Bilanz ziehen:
Warum bin ich hergekommen?
Definitv nichts Besseres zu tun, fasziniert von London, Lust auf Englisch-Lernen und im Ausland klarkommen. Mehr war da nicht.
War das gut herzukommen?
Definitiv nicht zum Englisch-Lernen, definitiv ja aus allen anderen Gründen.
Werde ich wiederkommen?
Auf sicher. Das nächste Mal zum Studieren.
Doch halt, noch bin ich hier, und wie! Ich stehe mit beiden müden Füßen und Beinen im Berufsleben. Seit Januar arbeite ich in dem bekanntesten und nobelsten indischen Restaurant ganz Londons: „Chutney Mary“ in Chelsea. Superstylische Location: Eine riesige Spiegelwand, Millionarden Kerzen, die es am Anfang jedes Abends anzuzünden gilt (der schönste Teil der Arbeit), überall kunterbunte Kissen, edle Holztische, teilweise gesenkte Decke, diverse blaue und rosafarbene Lichtinstallationen, Wandverzierungen und Wandteppiche, Orchideen, und das Coolste: Ein Teil des Restaurants ist ein fast-runder Wintergarten, in dessen Mitte ein echter Ficus-Baum steht, der bestimmt 4 Meter hoch ist. Um diesen Baum sinken die Gäste dann in bequemst gepolsterte Sofas und gucken auf den Brunnen in den Innenhof des Gebäudekomplexes. Unter ihnen waren schon Hugh Grant, Billy Wilder (zugegebenermaßen ist das schon etwas her), neulich Michael Cane, Yoko Ono und regelmäßig bekannte Arsenal- und Chelsea-Spieler, die ich ausnahmslos nicht kenne und deshalb wie normale Menschen behandle.
Als ich an meinem ersten Abend die Treppe von der Rezeption ins Restaurant herunterschritt, war ich wirklich sprachlos und beeindruckt: Das ist Bollywood - Wie hübsch, wie gemütlich, hier will ich arbeiten! Aber wie das so ist: Außen hui, innen pfui. Ich wurde erstmal nicht so freundlich empfangen von meinen polnischen, lettischen, französischen, slovakischen, kolumbianischen, brasilianischen und indischen (!) Kollegen, besser gesagt wurde ich gar nicht empfangen. Ich ging erstmal verloren: Keine Ahnung von Nichts! Über 100 Weine, sicherlich annähernd viele Etiketten-Regeln, Stress und Kopf randvoll mit den fünf Sachen, die man gleichzeitig machen muss. Also glänzte ich erstmal nur mit schnellem Abräumen. Nach ausgiebigem Gedisse und allabendlicher Demotivation wurde ich dann aber mit der Zeit schneller und besser und meine Kollegen fingen an, zumindest mit mir zu sprechen. Und manchmal ist es echt cool: Wir kriegen nämlich Essen und Getränke kostenlos vor und nach der Arbeit. Also kommen die Leute schon früher um zu essen, Kaffee zu trinken und sich zu unterhalten. Und richtig geil ist es nach der Arbeit: Der ganze Stress fällt von einem ab, man hat den Abend zusammen bewältigt und man sitzt zusammen und isst, trinkt, macht sich lustig über die Dinge, die so den Abend über passiert sind, derer es genug gibt! Da gibt es Leute, die sich Wasser in ihr Weinglas kippen und sich anschließend darüber beschweren und ein neues Glas und neuen Wein haben wollen. Oder Leute, die die ganze Karte rauf und runter bestellen (und die Preise sind ORDENTLICH) und dann aber nicht bezahlen wollen, weil es ihnen zu teuer ist. Dann gibt es da Leute, die vorgeben, sie hätten sich gerade auf der Toilette übergeben, natürlich vom Essen. Was müssen die Manager dann machen? Sich entschuldigen und bestimmte Sachen wieder von der Rechnung runternehmen. Und dann spielt da auch immer jede Menge Dummheit und Dreistheit mit...
Einige Leute wissen nicht, wie mit dem Besteck zu essen ist und wie das mit dem Wein funktioniert, aber das ist kein Problem. Einige Leute allerdings verhalten sich mit diesem Unwissen trotzdem noch dermaßen arrogant und versuchen sowas von anzugeben, vor allem wenn es sich um etwas größere Geschäftsessen handelt. Besonders erfreulich sind dann die Gäste, die über 600 £ bei uns lassen und dann 20 p Trinkgeld geben. Da fällt einem nichts mehr zu ein.
Wenn wir dann über diese oder andere Dinge lästern kommt immer eine fast familiäre Stimmung auf, natürlich immer abhängig von den jeweiligen Leuten, die gearbeitet haben. Oft wollte ich schon kündigen und mir einen besseren Job suchen, aber dann habe ich mich dazu entschlossen, dem Ganzen eine Chance zu geben und abzuwarten, was sich letztlich gelohnt hat. Und überdies verdiene ich genug, um zu sparen - und dann alles wieder auf einer Party oder in einem Geschäft zu verprassen. Man braucht ja schließlich einen Ausgleich zum stressigen Job nicht wahr? Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Ich bin ja um sooo vieles verantwortungsbewusster geworden hier
Ich mache es kurz: Es ist Sommer. Ihr wisst was das heißt: Gute Laune, die Stadt zeigt sich von ihrer schönsten Seite, kurze Hosen, den ganzen Tag draußen, die ganze Nacht draußen, vergessen das absolute Liebes-Gefühlschaos des letzten halben Jahres.
Sowieso ist es mal wieder an der Zeit, nach vorne zu gucken, denn ich werde in ein Haus mit Engländern ziehen für meine letzten sechs Wochen in London. Immense Veränderungen stehen bevor, denn ich werde ein Einzelzimmer haben, einen Garten, ein Wohnzimmer und vier echte englische Mitbewohner! Ich bin schon gespannt wie ein Flitzebogen.
Viele Grüße aus der schönsten Stadt der Welt!
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25 Mai 2007
Yes- Michi!
Mann ich hab seit Ewigkeiten nicht mehr die Seite besucht und heute schlendere ich aus reinem Zufall vorbei und es gibt einen neuen Eintrag. Man, wie ich mich gefreut habe, auch mal wieder was von dir zu hören, ich dachte ja das du mir vielleicht ein paar Worte auf meine Mail antwortest, aber der Text entschuldigt alles!
Also Michi ich freu mich das es dir so absolut gut gefällt und ich hoffe das du trotz der schlechten Ereignisse nicht den Kopf hängen lässt (ich weiß du wirst es nicht)
Liebe Grüße
Basti
1 Juni 2007
mir sagte mal jemand: wem das wasser bis zum hals steht, der darf den kopf nich hängen lassen...
19 Juni 2007
michi! wahnsinning schöner beitrag!
2 Juli 2007
für deine 13000 pageviews bist du übrigens selbst verantwortlich. schreib halt einfach nich so gut! lass dich drücken mein alter, wir sehen uns ganz bald, ich meld mich!
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